Improvisation
Aus wenig viel machen
Wenn ich mich mit einem Wort beschreiben müsste, wäre es Improvisation. Ein Teil meines Wesens.
Ihre Wurzeln reichen bis in meine Kindheit. Schon früh musste ich viel Acht geben: auf Situationen, auf Stimmungen, auf erwachsene Menschen. Ich lernte, genau hinzuschauen, schnell zu spüren, was gerade gebraucht wird, und mich darauf einzustellen. Was damals Notwendigkeit war, ist heute eine meiner grössten Stärken.
Das Wort selbst erzählt schon viel. Es kommt aus dem Lateinischen und meint das Unvorhergesehene. In der Organisationspsychologie beschreibt man Improvisation als den Moment, in dem Planen und Handeln zusammenfallen. Genau so erlebe ich sie: den Moment sehen und ihn nutzen. Agieren, reagieren, aus der Situation das Beste machen und dabei schon den nächsten Schritt im Blick haben. Aus wenig viel machen, manchmal aus fast nichts.
Meinen Weg habe ich mir selbst gebahnt, Schritt für Schritt und oft ohne Landkarte. Ich habe früh gelernt, selbst Verantwortung für mein Leben zu übernehmen. Meine Vorbilder und Wegbegleiterinnen habe ich mir selbst ausgesucht: Menschen, die mich inspiriert haben, von denen ich lernen wollte und die an mich geglaubt haben. Und alle meine Visionen und Träume habe ich mit viel Improvisation erreicht. Und mit einer guten Portion Glück.
Die Psychologie spricht von kreativer Anpassungsfähigkeit: der Fähigkeit, auf belastende Situationen schöpferisch zu antworten. Sie gilt als Schutzfaktor in Krisen und stärkt das Wohlbefinden. Wenn ich das lese, erkenne ich mich wieder. Improvisation ist Kunst, und sie hilft beim Überleben. Meine Wurzeln in Kunst und Design haben beides in mir verbunden.
Ich habe Papiere, Diplome und Ausbildungen, und ich schätze sie. Am weitesten getragen hat mich die Fähigkeit, auf das Leben zu antworten, so wie es gerade kommt. Die Forschung bestätigt, was ich selbst erlebe: Improvisation und Erfahrung gehören zusammen. Wer viel erlebt hat, improvisiert besser. Jede gemeisterte Situation wird zum Fundus für die nächste. Damit kommt man sehr, sehr weit.
Improvisation begleitet mich überall. Im Familienalltag, wenn der Morgen anders läuft als geplant. Bei der Arbeit, wenn das Unerwartete zum Alltag gehört. Auf Reisen, wenn der Weg eine neue Richtung nimmt. Und in Beziehungen, wo jede Begegnung ihr eigenes Drehbuch schreibt. Mal mit Humor, mal todernst.
Was mich besonders freut: Improvisation steckt an. Im Improvisationstheater gibt es dafür ein schönes Prinzip, das «Ja, und …». Man nimmt an, was das Gegenüber anbietet, und baut gemeinsam weiter. Studien zeigen, dass schon kurze Erfahrungen damit Menschen gelassener im Umgang mit Ungewissheit machen. Das erlebe ich in Teams, mit den Frauen und Gründerinnen, die ich begleite, und in meinem Umfeld. Wenn jemand in einem schwierigen Moment ruhig bleibt, einen Weg findet und dabei vielleicht sogar lacht, entsteht Zuversicht. Menschen spüren, dass es weitergeht, und gehen mit.
Und Improvisation ist Kreativität. Bei mir zeigt sie sich darin, mit wenig Aufwand viel zu bewegen: Dinge zu verändern und das Beste herauszuholen, so, dass es für die Menschen um mich herum leicht und selbstverständlich bleibt. Es ist dieselbe Kraft, die ein leeres Blatt füllt, einen Raum gestaltet oder eine Idee lebendig macht. Sie schaut auf das, was möglich ist.
Improvisation ist mein grösstes Vertrauen ins Leben.

